7 Stunden und 55 Minuten für 70km und über 4.600 Höhenmeter durch die Berner Alpen bis ins Wallis

Moin Kay,

Wir kennen dich als ehemaligen Spieler der Ersten und Zweiten, als Jugendtrainer, Kicker der ü32 und sind dir dankbar für dein Mitgestalten im Jugendvorstand….. aber wie kamst du auf die etwas verrückte Idee an diesem Bergrennen teilzunehmen und wie fühlst du dich?

Ich habe den Wildstrubel 70 gemeinsam mit einem Freund und ehemaligen Arbeitskollegen absolviert, der ursprünglich die Idee zu dem Lauf hatte. Ich bin für solche Herausforderungen irgendwie sehr empfänglich und habe deshalb spontan zugesagt als er mich Anfang des Jahres fragte ob ich mitkomme. Heute geht es mir blendend, während des Rennens habe ich aber zeitweise ordentlich gelitten.

Wie sah die Vorbereitung aus?

Die war eher schwierig. Im Frühjahr wurde bei mir ein Meniskusriss diagnostiziert. Gleichzeitig hat sich mein Senk-/Spreizfuß bei längeren Belastungen immer wieder bemerkbar gemacht. Ich musste deshalb erst einmal herausfinden, was funktioniert und was nicht. Ich habe dann verschiedene Kräftigungsübungen ausprobiert und mich Schritt für Schritt herangearbeitet. Irgendwann bekam ich die Beschwerden ganz gut in den Griff. 

Die nächste Herausforderung war aber das Höhenprofil des Rennens.

Denn wo trainiert man im Ruhrgebiet für 4.600 Höhenmeter?

Das ist tatsächlich eine Herausforderung. Wir haben hier einfach keine großen Berge. (lacht) Also muss man kreativ werden. Ich bin beispielsweise drei Stunden im Witthausbusch immer wieder hoch und runter gelaufen und kam dabei auf immerhin 700 Höhenmeter. Das ist letztlich aber trotzdem ernüchternd, wenn man weiß, dass beim Wildstrubel mehr als 4.600 Höhenmeter auf einen warten.

Was hat dich am Streckenprofil besonders überrascht?

Wie wenig flache Passagen es gibt, selbst bei über 70km. Es ging ständig entweder steil bergauf oder steil bergab. Dadurch kommt man natürlich auch nicht besonders schnell voran. Man kann nicht einfach mal ein paar Kilometer laufen lassen. Das macht auch die Belastung speziell.

Was waren deine persönlichen Highlights?

Ganz klar die Landschaft, die Ausblicke über die Täler waren spektakulär. Außerdem war der innere Kampf mit einem selbst und die erfolgreiche Überwindung eine ganz besondere Erfahrung. Dazu kam die Atmosphäre rund um das gesamte Event. Am Wochenende waren insgesamt mehr als 8.000 Läuferinnen und Läufer in Crans-Montana, und dadurch wurde der gesamte Ort zu einem riesigen Trail-Event. Diese Stimmung unter den vielen Leuten und die kurzen Gespräche mit anderen Läufern war extrem mitreißend und voller Energie. 

Gab es während des Rennens einen Moment, an dem du dachtest: „Das wird vielleicht nichts“?

Ja, nach ungefähr 50 Kilometern. Wir hatten gerade den letzten richtig steilen Anstieg auf den Gipfelbereich des Wildstrubel hinter uns und waren auf einer Höhe von 2800 Metern. Gleichzeitig ging die Sonne unter, es wurde plötzlich richtig kalt und Nebel zog auf. Ich war zu diesem Zeitpunkt ziemlich fertig – und dann wurde einem im wahrsten Sinne des Wortes auch noch das Licht ausgeknipst. (lacht) 
Das war für die mentale Energie echt schlechtes Timing und da kamen zum ersten Mal ernsthafte Zweifel auf, ob ich das wirklich bis ins Ziel schaffe.

Wie hast du diesen Moment überwunden?

Wir haben kurz Pause gemacht, zusätzliche Kleidung angezogen und uns neu sortiert. Ich habe dann noch kurz die Gelegenheit genutzt und zu Hause angerufen. Trotz schlechter Verbindung tat auch das extrem gut. 

Nach der Pause ging es etwas überraschend wieder besser. Wir wussten: Jetzt kommt der finale Abstieg. Also weiter, immer weiter.

Und dann ging es entspannt bis ins Ziel?

Nein, überhaupt nicht. Bei Kilometer 60 wartete noch der nächste kritische Punkt: der Cut-off. Wir mussten den Checkpoint bis 23 Uhr erreichen. Nach einer Stunde und gerade einmal 2 km steilem Abstieg wurde klar, 

dass es verdammt eng werden würde. Also haben wir auf den flacheren Abschnitten noch einmal ordentlich Gas gegeben. Das war nach der bisherigen Distanz natürlich nicht unbedingt das, was man sich wünscht. (lacht)
Außerdem gab es immer wieder sehr steinige Passagen, die uns immer wieder ausgebremst haben. Letztlich sind wir 6 Minuten vor dem Cut-off durch die Zeitmessung gelaufen.

Das klingt nach einem ziemlich spannenden Finale.

Das war es auch. Und danach waren es noch die letzten Kilometer bis ins Ziel. Der Zieleinlauf um 01:15 Uhr nachts war dann schon emotional. Da kamen, neben ungläubigem Staunen, dass da immernoch Menschen unseren Zieleinlauf beklatschten, mehrere Gefühle zusammen: Glück, Stolz, unterdrückter Schmerz und die ganz banale Freude über eine warme Dusche.

Wenn du das gesamte Erlebnis heute zusammenfasst – was bleibt hängen?

In Summe eine grandiose Erfahrung. Ich würde es durchaus als Grenzerfahrung bezeichnen und in der Kombination körperlich und mental sicherlich die größte sportliche Herausforderung in meinem Leben. Ich war zu Beginn nicht zu 100 Prozent sicher, dass ich das tatsächlich schaffen würde – schon wegen der Vorgeschichte mit dem Knie und dem Fuß und natürlich wegen der fehlenden Berge in der Vorbereitung.

Aber genau das reizt mich. Man weiß vorher nicht ganz genau, wo die eigene Grenze liegt, und verschiebt sie bestenfalls noch. Das ist für mich am Ende auch die wesentliche Erkenntnis. Wir sind alle zu viel mehr im Stande als wir uns meistens zutrauen. Mit ein bisschen Mut und viel Wille, sind ganz viele Ziele erreichbar.

Herzlichen Dank für das Gespräch und wir dürfen gespannt sein, welches Abenteuer als nächstes von dir gemeistert wird.